Den Sinn erlangen - Daoismus lehren und lernen?

Die Leute, die sich als Meister des Tao gerieren und verkaufen, sind zwangsläufig nur zu reich an Lehren und Übungen. Sie leiten diese aus ihren Interpretationen ab, übernehmen sie aus bekannten und bewährten Methoden oder erfinden höchst inspiriert neue. Und wenn Lao Tse (Laozi) in der ersten Zeile des Tao Te King (Daodejing) sagt Der Weg, der beschrieben werden kann, ist nicht der wahre Weg, dann ist das Ansporn für Voll- und Teilzeit-Esoteriker, Sinologie-Studenten, Buddhisten und andere sich berufen Fühlende, explizite Wegbeschreibungen zu geben und sich einander darin zu überbieten.

Aber wie kann man nun den Sinn zu finden und Daoismus erlernen? Einfach: Lassen Sie's sein! Das ist durchaus wörtlich zu nehmen - der einzige Weg ist Loslassen und Sein-lassen. Und als erstes muss man die Vorstellung loslassen, dass der Sinn "erlernt" werden könne.

Wenn der Sinn etwas wäre, das sich anderen mitteilen ließe, so würde jedermann ihn seinen Brüdern mitteilen. Wenn der Sinn etwas wäre, das sich anderen schenken ließe, so würde jedermann ihn seinen Söhnen und Enkeln schenken.

Dass das aber nicht möglich ist, hat keinen anderen Grund als den: Wo im Inneren kein Herr ist, da verweilt er nicht; wo im Äußeren nicht die rechte Art ist, da kommt er nicht.

Dschuang Dsi - Laotse belehrt den Konfuzius über den Sinn
(aus: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, Buch 14: Des Himmels Kreislauf)

Es geht darum, eine Haltung zu finden, die uns ermöglicht, vorbehaltlos zu verstehen, nüchtern zu erkennen. Sowas ist nicht zu erreichen, wenn man seinen ohnehin schon überladenen Kopf, seinen geschäftigen Verstand mit noch mehr Wissen und Lernen belastet, wenn man das ohnehin schon ausgelastete System mit noch mehr Übungen und Zwängen bedrängt.

Die ihre Natur verbessern wollen durch weltliches Lernen, um dadurch ihren Anfangs- zustand zu erreichen; die ihre Wünsche regeln wollen durch weltliches Denken, um dadurch Klarheit zu erreichen, sind betörte und betrogene Leute.

Dschuang Dsi - Die Quelle der Tugenden
(aus: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, Buch 16: Verbesserung der Natur)

Und auch die weisesten Worte des Aller-Erleuchtetsten können nichts bewirken, denn wonach sich die Gedanken richten, läßt sich nicht durch Worte überliefern sagt Dschuang Dsi (Zhuangzi) in der Geschichte vom Wagner Flach:

Der Herzog Huan von Tsi las in einem Band oben im Saal, der Wagner Flach machte ein Rad unten im Hof. Er legte Hammer und Meissel beiseite, stieg hinan, befragte den Herzog Huan und sprach: "Darf ich fragen, was das für Worte sind, die Eure Hoheit lesen?"

Der Herzog sprach: "Es sind die heiligen Worte."

Jener sprach: "Leben denn die Heiligen noch?"

Der Herzog sprach: "Sie sind schon lange tot."

Jener sprach: "Dann ist also das, was Eure Hoheit lesen, nur Abfall und Hefe der Männer der alten Zeit?"

Der Herzog Huan sprach: "Was Wir lesen, wie darf ein Wagner das kritisieren? Wenn du etwas zu sagen hast, so mag es hingehen; wenn du nichts zu sagen hast, so musst du sterben."

Der Wagner Flach sprach: "Euer Knecht betrachtet es vom Standpunkt seines Berufes aus. Wenn man beim Rädermachen zu bequem ist, so nimmt man's zu leicht, und es wird nicht fest. Ist man zu eilig, so macht man zu schnell, und es passt nicht. Ist man weder zu bequem noch zu eilig, so bekommt man's in die Hand, und das Werk entspricht der Absicht.

Man kann es mit Worten nicht beschreiben, es ist ein Kunstgriff dabei. Ich kann es meinem eigenen Sohn nicht sagen, und mein eigener Sohn kann es von mir nicht lernen. So bin ich nun schon siebzig Jahre und mache in meinem Alter immer noch Räder.

Die Männer des Altertums nahmen das, was sie nicht mitteilen konnten, mit sich ins Grab. So ist also das, was Eure Hoheit lesen, wirklich nur Abfall und Hefe der Männer des Altertums"

Dschuang Dsi - Wertlosigkeit der Bücher
(aus: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, Buch 13: Des Himmels Sinn)

Ein kleines Kind, das geboren wird, braucht keinen berühmten Lehrer, um sprechen zu lernen. Es lernt das Sprechen von selber, wenn es mit Leuten zusammen ist, die sprechen können.

Dschuang Dsi - Die unglückliche Götterschildkröte
(aus: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland,
Buch 26: Aussendinge)

Wie man einem Kind das Sprechen nicht beizubringen braucht, braucht man jemandem den Sinn nicht beizubringen oder ihn gar methodisch zu lehren. Wie die Fische für das Wasser geschaffen sind, so ist der Mensch für den Sinn geschaffen. Es geschieht von selber, wenn man dazu bereit ist, es zu sehen, wenn man nicht länger Willens ist, dagegen anzustreben - schlicht: wenn man sich nicht wehrt. Der Sinn kommt von selbst, wenn man nur "leer" ist.

Wir sind voll mit Meinungen, Überzeugungen und Ansichten, tausend Kleinigkeiten beschäftigen uns, halten uns gefangen. Diese bewussten und unbewussten Verstrickungen sind es, die uns daran hindern, empfänglich und aufmerksam zu werden, um den Sinn zu erlangen.

Den einzigen Rat, den man jemandem geben kann, ist der, sich der Verstrickungen bewusst zu werden und sich dann ihrer zu entledigen.