Wahre Meister des Daoismus

Wang Tai - der Herr des Buckels

Die Geschichte von Wang Tai wird von Dschuang Dsi (Zhuangzi) in Form einer Unterhaltung zwischen Kong Zi (Konfuzius) und einem seiner Schüler erzählt - natürlich nicht ohne ersteren beiläufig ein wenig zu veralbern.

Wie Kong Zi (Konfuzius) ist auch Wang Tai jemand, der Schüler bei sich aufnimmt. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten auch schon. Denn im Gegensatz zum weisen, gebildeten und vornehmen Kong Zi (Konfuzius), der durch seine Lehren und geistreichen Worte die Menschen zu bessern sucht und zu begeistern weiß, tut der verkrüppelte, einbeinige und ausgesprochen häßliche Wang Tai nichts weiter, als mit seinen Schülern zusammenzuleben - er hat keine Lehre und er führt keine Worte. Und doch nimmt jeder seiner Schüler viel für sich mit.

Wie kann es kommen, dass man andere lehren kann, dass man anderen bei ihrer Entwicklung helfen kann, ohne ihnen Gedanken, Werte und Fähigkeiten beizubringen? Über welche Möglichkeiten muss ein solcher 'Lehrer' verfügen? Fragt sich insbesondere der wissensbeladene und -geplagte Schüler des Kong Zi (Konfuzius): Wang Tai tut doch gar nichts - wie kann er sie denn beeinflussen?

Durch seine Haltung - ist die Antwort. Wang Tai hat durch sein Schicksal, durch sein Leben gelernt. Er ist zur Einsicht gekommen, dass es einen Einklang aller Dinge gibt, er sieht die große Einheit und sieht hinweg über die Unvollkommenheit. Dadurch ist er zur Ruhe gekommen und ist Teil des Einklanges geworden. Diese Ruhe, dieses Ruhen im Einklang, ist es, was seine Schüler spüren, in diesem stillem Wasser erkennen sie sich selbst.

Wang Tai ist jemand, den man einen Meister nennen könnte. Doch Menschen wie er nennen sich nicht Meister und führen sich auch nicht so auf - sie nennen sich gar nicht und empfinden sich als normal und unbedeutend. Wie es heißt: Wer vor den Menschen groß ist, ist vor dem Himmel klein.

Der Berufene?

Der Daoismus nach Dschuang Dsi (Zhuangzi) kennt keine Meister, kennt Meisterschaft nicht als Titel, sondern als Umstand. In den Schriften des Dschuang Dsi (Zhuangzi) wird häufig der Titel "Berufener", "Heiliger" oder auch "Übermensch" als Übersetzung aus dem Chinesischen verwendet. Von schädlichen Konnotationen befreit, scheint mir aber am trefflichsten die Formulierung "der Mensch des Lebens".