Die Standpunkte und der Standpunkt 

Schon zu Zeiten des Dschuang Dsi (Zhuangzi) gab es allerlei "Meister", für die er wenig mehr als Spott aufbringen konnte, in dem 15. Buch, betitelt "Starre Grundsätze", stellt er ihre Standpunkte vor.

I. Sich auf einen Wandel nach starren Grundsätzen etwas zugute tun, sich den der Welt absondern und alles anders machen als die anderen, hohe Reden führen und bitteres Urteil fällen: das ist der Menschenhaß.
So lieben es die Weisen in den Bergklüften, die die Welt verurteilen, die einsam wie ein kahler Baum an tiefem Abgrund stehen.

Die Weltabgewandten, die verbitterten alten, "die einsam wie ein kahler Baum an tiefem Abgrund stehen"... was für ein treffliches Bild. Früher waren die dann wenigstens weit weg und bald an Unterkühlung oder Skorbut gestorben. Doch die neuen Medien geben ihnen heute Gelegenheit, ihre Phrasen öffentlich zu dreschen, und sie finden auch offene Ohren bei denen, die unzufrieden sind mit der Welt im Allgemeinen und konkret mit der gegenwärtigen Situation überfordert. Je nach Verknöchertheit und Bildungsstand preisen sie irgendeine "gute, alte Zeit" - meist liegt die noch nicht einmal hundert Jahre zurück, mitunter nur die Zeit, in der sie Kinder waren. Den Arsch abfrieren tut sich auch keiner mehr von ihnen, ihr (geistiges) Alter und ihr Unmut sind ihnen Qualifikation genug.

II. Von Liebe reden und Pflicht, von Treu und Glauben, von Ehrfurcht und Mäßigkeit, Bescheidenheit und Gefälligkeit: das ist die Moral.
So lieben es die Weisen, die die Welt zur Ruhe bringen wollen und Buße verkündigen, die Wanderprediger und Lernbeflissenen.

Die Tugendhelden und Moralisten - Dschuang Dsi (Zhuangzi) hatte es hier in erster Linie mit den schon weit verbreiteten Lehren von Kong Zi (Konfuzius) zu tun. Als Menschen schätzte Dschuang Dsi (Zhuangzi) ihn überaus und Kong Zis (Konfuzius) Verständnis des Dao war ein sehr ähnliches, doch seine Lehren, sein Weg, wie das Dao zu finden, zu verstehen sei - sie hielt Dschuang Dsi (Zhuangzi) für überflüssig, verwirrend und allgemein wenig hilfreich.

Nun, Kong Zis (Konfuzius) Lehren und Methoden scheinen dem westlichen Verständnis von Entwicklung sehr viel mehr zu entsprechen. Gerne hat der Mensch des Westens - und insbesondere der tugendreiche Deutsche - einen Katalog von Vorschriften und Anweisungen, an die er sich halten kann. Und diesem Bedürfnis nach Klarheit und Führung kommen Weltanschauungen und Meister natürlich gerne nach. Studieren, Belehren, Predigen - die Welt und die Menschen besser machen. Nach ihrer Lehre, nach ihrem Muster - sie haben das Wissen, wie man die Menschen wieder zum Sinn führen kann.

III. Von großen Werken reden, sich einen großen Namen machen, die Formen feststellen im Verkehr von Fürst und Diener, das Verhältnis ordnen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen: das ist die Politik.
So lieben es die Weisen an den Höfen, die ihren Herren ehren und ihren Staat stark machen wollen und ihre Arbeit darauf richten, andere Staaten zu annektieren.

Die Politiker - ihrer sind's viele, doch stehen z.Zt. nur wenige wirklich fest in einer Lehre, die auch konform zu ihrem Handeln geht. Jenseits des großen Teiches könnte das in Bälde eine neue Hochzeit erleben, doch auch andernortens ist das Verlangen nach einem starken Staat unter dem eindeutigen Gebot eines allmächtigen Gottes groß.

IV. Sich an Sümpfe und Seen zurückziehen, in einsamen Gefilden weilen, Fische angeln und müßig sein: das ist der Quietismus.
So lieben es die Weisen an Fluß und Meer, die sich von der Welt zurückgezogen haben und in freier Muße leben.

Die 'Eremiten' - auch sie ziehen sich zurück, aber keineswegs so weit, dass sie nicht noch im Augenmerk der anderen oder zumindest ihresgleichen verweilen können. Von den Buddhisten und Christen haben sie gelernt, gründen Klöster und Schulen, um in der Abgeschiedenheit Muße zu finden und das anderen beizubringen. Bei ihnen verhält es sich genau verkehrt herum: Von der Welt, nicht in der Welt sind sie.

V. Schnauben und den Mund aufsperren, ausatmen und einatmen, die alte Luft ausstoßen und die neue einziehen, sich recken wie ein Bär und strecken wie ein Vogel: das ist die Kunst, das Leben zu verlängern.
So lieben es die Weisen, die Atemübungen treiben und ihren Körper pflegen, um alt zu werden wie der Vater Pong.

Zu guter Letzt die "Alchimisten", die mit vielerlei geheimen Künsten und Wissenschaften versuchen, den Sinn zu ergründen. Possierliche Käuze, die mit skurrilen Ideen und Lehren dem Bedürfnis nach Okkultem, nach Verborgenem nachkommen. Sie betreiben Tai Chi und QiGong, sie zerfleddern Lao-Tse (Laozi) nach Hinweisen und Geboten, sie schaffen sich Heilige, schaffen sich Arkan-Disziplinen, schaffen Schulen, bekämpfen Schulen - ohne irgendwohin zu gelangen.

Das sind die Meister des Tao, Meister der Lehren, Meister der Übungen, Kluge und Belesene, Gelehrte und Geachtete, Betitelte und Betuchte. Selbst, wenn sie den Weg sehen - sie stiften nur noch mehr Verwirrung.

Die ihre Natur verbessern wollen durch weltliches Lernen, um dadurch ihren Anfangszustand zu erreichen; die ihre Wünsche regeln wollen durch weltliches Denken, um dadurch Klarheit zu erreichen, sind betörte und betrogene Leute.

Dschuang Dsi - Die Quelle der Tugenden
(aus: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, Buch 16: Verbesserung der Natur)

x